Yare Rahbar

Wie steht der Islam zu psychischen Störungen?

5 posts in this topic

Salamu Aleykum liebe Geschwister,

 

insha Allah geht es euch gut? 

 

Meine Frage steht ja bereits im Titel. Ich habe bereits einige Gelehrte diesbezüglich befragt aber keine für mich zufriedenstellende Antwort erhalten. Da ich selber vor einiger Zeit einen Autounfall hatte und auch eine schwierige Zeit im Krankenhaus hinter mir habe, beschäftige ich mich noch intensiver mit den Krankheitsbildern „Trauma“, „Angststörung“, „Panikattacken“. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir Muslime irgendwie keine vernünftigen Lösungsansätze haben. Natürlich ist das Vertrauen zu Gott sehr essentiell und unentbehrlich. Und mir ist auch bewusst, dass der Westen keine ultimative Lösung für seelische Erkrankungen hat, dass es sehr individuell ist und für vieles auch noch wirklich keine Lösung besteht. Ich kann mich aber mit all dem nicht zufrieden geben. Der Islam muss doch eine Lösung vorschlagen, eine Heilung? Mittlerweile bin ich mir auch gar nicht mehr sicher, ob der Islam bzw. unsere islamische Gesellschaft diese Krankheitsbilder überhaupt als solche sieht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass einige Muslime, darunter auch Gelehrte, sowas wie „Trauma“ und dessen Folgestörungen, gar nicht ernst nehmen. 

Über einige Meinungen und Informationen würde ich mich sehr freuen. 

 

Salam 

ismael_nbg, MiniMuslima and Saluton like this

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wa 3aleikum al salam, alhamdulillah liebe Schwester, insha'Allah geht es dir besser. 

Nun, deinem letzten Satz stimme ich absolut zu: viele Muslime nehmen es nicht ernst, doch der Islam bietet sehr viele Lösungen - mir zumindest. Ich möchte auf eine philosophische Ebene steigen, dafür werde ich nun etwas privater. 

Ich selber hatte sehr schlimme Depressionen, Angststörungen und dementsprechend Panikattacken - bzw. habe ich teilweise immer noch, was aber ganz klar an meiner Denkweise liegt. Das Wichtigste hast du im Grunde schon angesprochen - das Vertrauen auf Gott. Dies ist eigentlich auch schon die Hauptlösung. 
Bei mir haben die Depressionen von heute auf morgen angefangen (selbstverständlich gibt es eine Vorgeschichte), ich hatte in dieser Zeit so gut wie keinen Iman, ich war in keiner Rechtsschule fest drinnen, wusste eigentlich nichts über den Islam, doch, ich hatte immer einen sehr starken Glauben an Allah swt. 
Zu der Zeit meiner Depressionen, war ich sehr sensibel. Ich habe einfach alles in Frage gestellt, es hat mich alles gestört. Ich habe darüber geweint, dass Menschen für alles Maschinen brauchen, nichts mehr selber tun. Niemand wird verstehen können, was in mir vor ging, niemand außer jenen, die es selber mal erlebt haben, aber selbst diese verstehen es nicht ganz, da es bei jedem anders ist. Als die Depressionen sich etwas legten, fingen wie aus dem Nichts Panikattacken und meine Phobien an, ich hatte plötzlich Angst vor dem Rausgehen. Ich konnte nicht mal auf meinem Balkon stehen, alles hat sich gedreht, ich hatte Atemnot, einen Puls bis zum geht nicht mehr, habe gezittert am ganzen Körper - der Grund: ich dachte, mein Balkon stürzt unter mir ein. Ich habe es nicht mal geschafft, nach unten zum Briefkasten zu gehen. Ich habe mich Zuhause komplett verbarrikadiert - ich bin über ein Jahr nirgendwo hingegangen. Auch unter Begleitung nicht. Selbst der Gang ins Badezimmer war für mich die reinste Hölle. Ich hatte einfach Angst. Angst vor einem Krieg, Angst vor einem Überfall, Angst davor, dass die Erde unter mir einstürzt, ich hatte einfach nur Panik. Panik vor allem was ich nicht verstand und nicht kontrollieren konnte.
Zu dieser Zeit, hatte ich auch noch eine sehr schlimme Angst: nämlich vor Allah swt. Ich weiß heute zu tausend Prozent, dass das alles einfach Einflüsterungen sind, der Shaytan (l.) möchte mich besiegen. Wenn ich sage, dass ich Angst vor Allah swt hatte, meine ich damit nicht die Gottesfurcht, sondern richtige Angst. Ich habe alles gemieden, was mit Gott zutun hatte. Wenn ich wusste, dass in einem Lied nur das Wort "Gott" vorkommt, habe ich das Lied nicht mehr gehört. Ich wusste aber in meinem Herzen, dass ich vor Allah swt keine Angst haben muss, da Er gerecht und allbarmherzig ist. So fing ich langsam, langsam wieder an, Ihm zu vertrauen. Ich fing an den Quran zu lesen, habe sehr viel Du3a gesprochen, Allah swt um Hilfe angefleht. Ich fand so meinen Weg von Sunni zur Shi3a. Und damit, begann mein Mut. Ich habe mir gedacht, "wovor fürchtest du dich Nana?! Wieso behauptest du, du vertraust Allah swt aber gehst trotzdem nicht raus?!" Damit fing ich an, kleine Schritte zu gehen. Auf meinem Balkon sitzen, runter zum Briefkasten, ja sogar gegenüber zum Supermarkt. Als ich mich dann, was recht schnell geschah, dazu entschied, meinen Hijab zu tragen, fühlte ich mich nur noch um so sicherer. Mein Lebensmut kam zurück. Die Lehre Ashuras, gab mir den Rest. 

Heute habe ich immer noch einige Ängste. Z.B traue ich mich immer noch nicht, mit dem Zug z.B nach Hamburg zu fahren, was ich früher ohne Probleme tat, aber ich weiß, dass alles 5er (gut) wird insha'Allah. Ich habe schon immer Höhenangst gehabt, aber seit dieser Zeit, hat sich das verschlimmert, vor allem in Kaufhäusern. Wenn ich mich dann mal traue nach oben zu fahren, dann nur mit dem Fahrstuhl, ich habe eine seltsame Angst gegen Rolltreppen entwickelt. Ich weiß aber sicher, dass ich nur vor allem Angst habe, was ich nicht verstehe. Mein Gehirn ist derzeit einfach noch nicht in der Lage zu begreifen, wie eine Rolltreppe gebaut ist. Wie kann sie einfach nach oben fahren, ohne dass unten Balken sind, die sie stützen.. das meinte ich oben mit "ich weiß dass es an meiner Denkweise liegt". 

Nun möchte ich dir konkret sagen, was mir abgesehen vom reinen Gottvertrauen, am Meisten hilft: unser wundervoller Imam - Imam Zainul Abidin (a.). Ich habe zu ihm (a.) eine unglaubliche Bindung. Seine Adu3at, Seine Munajat, es passt einfach so wundervoll zu mir.. Er (a.) sehr viele Adu3at und Munajat die vor allem für solche Zeiten von Ängsten und Sorgen geeignet sind. Sie helfen mir, mich meinen Ängsten zu stellen und das muss man bis zu einem gewissen Punkt auch, um diese Überwinden zu können. 
Der Islam ist allumfassend. Es gibt nichts, was es im Islam nicht gibt. Der Islam bietet für alles eine Lösung, nur muss man diese erstmal für sich selber finden. 
Mir hat einfach der Glaube an sich geholfen und, dass ich mich mit allem beschäftigt habe, was mir Angst macht. Warum ist dies so, warum ist das so.. ich bin also auch auf die Wissenschaft eingegangen. Das Vertrauen auf Allah swt. wird es sein, welches dir deine Ängste nimmt, denn das wird dich mutiger machen, jedoch musst du versuchen, deine Ängste zu verstehen. Was genau macht dir Angst, wieso macht es dir angst, was kannst du dagegen tun usw.

 

Insha'Allah kheir, vergesse dich nicht in meiner Du3a. #herz# 

wasalam

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salam alaikum,

alles was der Wahrheit entspricht, entspricht dem Islam. Deshalb sind Empfehlungen von Psychologen usw. nicht unbedingt unislamisch. 

salam 

MiniMuslima likes this

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Salam,

genauso wie es für körperliche Beschwerden Ärzte gibt, kann man auch für psychische Beschwerden einen Spezialisten aufsuchen. Eine Kombination aus Bittgebeten und bspw. einer Therapie können dein Seelenbefinden verbessern. Psychologie ist eine Wissenschaft für sich und erfordert jahrelanges Studium. Deshalb sollte man das nicht unterschätzen und die Möglichkeit die Gott uns gegeben hat wahrnehmen und Experten(Psychotherapeuten) um Rat fragen.
Depressionen und Angststörungen sind ein Zusammenspiel zwischen Körper und Geist und sind erforschte und benannte Krankheiten, für die es speziell Therapien gibt. Wir sollten es als Gnade von Allah swt. sehen, dass es Menschen gibt, die einem dabei helfen können damit umzugehen und bei der Heilung helfen können.

Ein Gelehrtenstudium kann man auch nicht mit einem Psychologiestudium vergleichen. Ein Gelehrter kann dir praktische Tipps geben, wie du dich vor schlechten EInflüssen(Lästern,Lügen,Neid usw) fernhalten sollst. Hierbei geht es aber um dein Nafs, und nicht um dein psychisches Wohlbefinden, was durch körperliche Faktoren beeinflusst werden kann.

Wassalam

Tulip likes this

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#bismillah#

Salam,

ich wollte mich noch mal wegen dem Thema melden, falls sich jemand das irgendwann durchliest. Ich habe bezüglich dieses Themas einige Recherchen gemacht und Erkenntnisse getroffen. Da ich derzeit im Iran lebe, hatte ich die Möglichkeit, einige islamische Bücher darüber zu lesen und mit Gelehrten darüber zu sprechen.

Der Islam ist wie wir alle wissen eine Religion, die für jeden Lebensbereich eine Lösung anbietet. Schauen wir uns aber die Länder an, in denen der Islam im Vordergrund steht, erkennen wir schnell, dass es Länder sind, die in wissenschaftlicher und technologischer Hinsicht nicht soweit entwickelt sind, wie die westlichen Länder. Dies bedeutet aber nicht, dass der Islam für die Probleme, die in den islamischen Ländern noch keine große Beachtung erfahren, keine Lösungen anbietet. 

Bezogen auf die Psychologie lässt sich auf jeden Fall sagen, dass in den Ländern wie Iran eher die westliche Psychologie an den Universitäten gelehrt und später in der Berufswelt auch praktiziert wird. Das ist nicht zwangsläufig schlecht. Die westliche Psychologie ist an sich Recht gut, allerdings fehlt die islamische Komponente. Doch trotz allem lässt sich auch festhalten, dass es im Iran viele Gelehrte gibt, unter anderem auch Großgelehrte wie Ayatollah Mesbah Yazdi, die über die Psyche des Menschen schreiben und die daraus resultierenden Erkrankungen. Meine Einschätzung ist aber, dass diese Bücher viel zu theoretisch sind. Die Umsetzung fehlt. Und das ist wohl die größte Schwäche in der islamischen Welt. Wir sind theoretisch stark, praktisch aber noch ziemlich weit hinten. Der Westen hingegen hat eine labile Theorie, doch sie sind gut darin, die Dinge umzusetzen. Der Westen hat eine starke Empirie, und das fehlt uns Muslimen leider. 

Auch wenn ich die islamischen Bücher über die menschliche Psyche viel zu theoretisch halte, kann ich einige Buchempfehlungen gerne machen. Natürlich sind Bücher wie von Ayatollah Mesbah Yazdi eine zu große Nummer für einfache Laien. Aber es gibt auch andere Bücher, die leichter verständlich sind, dann aber auch nur auf persisch.

Doch abgesehen von den strukturellen Problemen innerhalb der islamischen Welt, möchte ich einen weiteren Punkte noch ansprechen. Und zwar glauben viele Muslime, dass psychische Störungen daher kommen, weil man einen schwachen Glauben zu Gott hat. Dies ist nicht richtig. Ich habe auch lange Zeit geglaubt, dass nur diejenigen Depressionen oder ähnliches erleben, die nicht ausreichend an Gott vertrauen. Doch innerhalb meiner Familie habe ich einige Fälle beobachten können, und auch aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Nein, damit hat es nichts zutun. Schwierigkeiten und Belastungen sind in dieser Welt ganz natürlich, sie sind ein Teil unseres Lebens. Und wie es auch aus dem Namen zu entnehmen ist, sind Schwierigkeiten 'schwierig" und belasten. Sie gehen nicht spurlos an uns vorbei, unabhängig davon, wie stark unser Glaube ist. Dazu fällt mir Imam Ali (a.s.) ein, der jede Nacht in ein Brunnen geweint hat, nach dem Ableben von Fatimat az Zahra (a.s). Und es gibt Überlieferungen, die besagen, dass er aus Einsamkeit in den Brunnen geschrien hat. Auch kennen wir die Geschichte von dem Propheten Yakub (a.s.), der wegen der Trennung von seinem Sohn Yusuf (a.s.) so sehr weinte, bis er erblindete. Oder Mariam (a.s.), die bei der Geburt ihres Sohnes Isa (a.s.) die Worte sprach: Ich wünschte, es gäbe mich nicht, ich wünschte, man würde mich nicht kennen. Und die Reaktion Gottes auf all die Ereignisse war nicht negativ, er sagte diesen gläubigen Menschen nicht: Vertraut ihr mir etwa nicht? Seid ihr hofffnungslos? Reiche ich euch nicht? - Was ich damit sagen möchte ist, dass wir dazu bestimmt sind, gewisse Schwierigkeiten zu erleiden. Das wiederum heißt nicht, dass wir damit auf ewig verdammt sind. Der Glaube an Gott ist eine Erleichterung für die Seele und ist die Grundlage dafür, Schwierigkeiten zu überstehen. Der Glaube gibt uns Energie und die notwendige Kraft, um an uns selbst und an unseren Gefühlen, Gedanken, Sichtweisen zu arbeiten. Der Muslim sollte seinen Glauben als Ressource sehen und bei der Bewältigung psychischer Störungen diese Ressource anwenden und alle anderen Maßnahmen darauf aufbauen. Die anderen Maßnahmen, die erfolgen sollten, sind aus der westlichen Psychologie sehr gut zu entnehmen. Einige Aspekte, die mir persönlich sehr geholfen haben, möchte ich hier teilen:

1.) Akzeptanz: der erste Schritt in Richtung Heilung bzw. Überwindung der Erkrankung ist es, die Krankheit oder Störung zu akzeptieren, zumindest für den Moment. Wir Menschen tun uns schwer, Dinge zu akzeptieren, die wir nicht sofort ändern können. Doch das kann man lernen. Wenn man akzeptiert, so verschwindet ein gewisser Druck und man kann viel entspannter an die Sache rangehen.

2.) Hilfe suchen: Oftmals glaubt man, dass man alleine besser dran ist. Leider ist das nicht so. Man sollte sein Leid mit der Familie oder Freunden teilen und wenn sogar möglich, sollte man eine Therapie machen. In der islamischen Community herrscht die Meinung, dass ein nicht-Muslim die Innenwelt eines Muslim gar nicht verstehen kann. Das ist falsch, es gibt viele Therapeuten, die recht kompetent sind und von den Werten des Patienten ausgehend arbeiten. Und auch wenn es am Ende nicht gut läuft, hat man es zumindest versucht. Man hat also nichts zu verlieren.

3.) Stress reduzieren: Stress ist Gift für den Körper und sollte in jeder Hinsicht reduziert werden. Alle Störfaktoren, die Stress verursachen, müssen eliminiert oder zumindest soweit es geht reduziert werden. Wir tragen unzählige Belastungen mit uns, und oftmals sind wir uns diesen Belastungen nicht ein Mal bewusst.

4.) Sport und Ernährung: Dazu muss man eigentlich nicht viel sagen. Es gibt viele Studien, die nachweisen, dass Sport Ängste und depressive Stimmungen reduzieren. Gleiches gilt für die Ernährung.

5.) Den Glauben zu Gott als Ressource nutzen: Den Kontakt zu Gott pflegen und um Geduld und Kraft bitten. Ayat al Kursi und Ziyarat Ashura sind hier sehr bedeutsam. Das Rezitieren von Ayat al Kursi und Ziyarat Ashura beruhigt die Seele, auch wenn man es nicht auf den ersten Moment spürt. Und man sollte die Hoffnung in Gott niemals aufgeben. Er ist es, der Heilung schenkt.

6.) All die Dinge tun, die einem schon immer gut getan haben, seien es Filme, Bücher lesen, das Treffen mit Freunden, Kochen, usw. Auch wenn es auf den ersten Moment kein Spaß macht und man 0% Motivation hat, sollte man sich darum bemühen, diese Dinge zu  machen.

Eigentlich könnte man noch sehr viel schreiben, aber ich beende das mal hier. Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass unsere Community dahingehend sich weiterentwickelt und solche Themen intensiver behandelt und ein Bewusstsein dafür schafft.

salam

Zaynab82, Luna and Agit62 like this

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