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Yamin Naqvi

Die ausschließenden Beobachter

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Von Muslim-Markt am 17. August 2007

 

Die ausschließenden Beobachter

 

Muslim-Markt, 17.8.2007 – Der sich selbst als seriös betrachtende Main-Stream-Journalismus verurteilt Berichterstatter, die ihre Berichte mit Kommentaren und Mutmaßungen vermischen. Tatsächlich sind aber manche Propagandawerkzeuge viel perfider.

 

Eines der Hauptelemente reiner Nachrichten besteht darin, dass sie die Fakten wiedergeben sollen; ohne Ausschmückung. Zwar ist jedem wirklich seriösen Berichterstatter klar, dass allein schon die Auswahl der Nachrichten und der Blickwinkel eine gewisse Manipulation beinhaltet, aber dennoch wird getrennt zwischen Nachrichten und Kommentar, der ausdrücklich gekennzeichnet wird. Gleichzeitig werden all jene „Extremisten“ verurteilt, die diese Unterscheidung nicht so klar durchführen und ihre eigene Meinung mit der Widergabe der jeweiligen Nachricht verknüpfen. Tatsächlich aber sind Letztere oft die Aufrichtigeren und vertuschen es nicht, wenn sie ihre eigene Meinung zu einem Geschehnis wiedergeben. Selbst wenn es nicht explizit als solches gekennzeichnet ist, ist es doch für jeden Leser leicht erkennbar.

 

Ganz anders ist die Situation beim Main-Stream-Journalismus. Sehr oft, wenn ein Journalist seine eigene Meinung zu einem bestimmten Thema einbringen will, heißt es dann lapidar: „Experten, die nicht namentlich genannt werden wollen, meinen ...“, oder „Beobachter sind der Auffassung ...“. Das jene „Beobachter“ oder „Experten“ in den meisten Fällen der schreibende Journalist und sein Chefredakteur sind, wird dem Leser verständlicherweise nicht mitgeteilt. Ist aber die Mutmaßung geradezu abwegig und drückt eher die Hoffnung des Journalisten aus als die Faktenlage, dann ist die Formulierung noch eindeutiger und heißt: „Beobachter schließen nicht aus ...“. Betrachten wir dazu einige Beispiele:

 

Als vor wenigen Tagen in Russland ein Terroranschlag auf eine Zuglinie nach St. Petersburg verübt wurde, schlossen Beobachter mehrerer deutscher Sender nicht aus, dass es sich um einen „innerrussischen“ Konflikt handele, wobei die ganze nichtwestliche Welt davon ausgeht, dass die Destabilisierung Russlands kurz vor dem wichtigsten Anti-Westen-Gipfel der „Shanghai-Gruppe“ außerrussische Ursachen hat.

 

Ein ähnliches westlich-utopisches Wunschdenken vermittelten mehrere Zeitungen mit Bezug auf die dpa am 6.5.2007, als sie zu den damals bevorstehenden Wahlen in der Türkei vermeldete: „Beobachter schließen nicht aus, dass die nationalkonservative CHP und die MHP eine Koalition eingehen könnten, sollten sie gemeinsam auf mehr Mandate als die AKP kommen.“ Die Meldung ist vom Niveau her vergleichbar mit einer Meldung einer türkischen Zeitung über Bundestagswahlen in Deutschland die da lauten würde: „Beobachter schließen nicht aus, dass die Grünen und die FDP eine Koalition eingehen könnten, sollten sie gemeinsam auf mehr Mandate als die CDU und SPD zusammen kommen.“ Der türkische Journalist, der solch eine Meldung verbreiten würde, wäre seine Job los. Entsprechend überrascht waren dann auch jene Beobachter aus Deutschland über das tatsächlich Wahlergebnis und verschwanden in de Versenkung.

 

Bei der mörderischen Entführung deutscher Ingenieure in Afghanistan schlossen Beobachter (des Bayerischen Rundfunks) am 23.7.2007 nicht aus, dass eine Stammesfehde Hintergrund der Entführung sei. Sehr ungern wird in deutschen Main-Stream-Medien darauf verwiesen, dass die extreme Zunahme deutscher Probleme in Afghanistan mit dem Einsatz von eigenen Tornado-Kampfflugzeugen zu tun haben könnte und gleichzeitig auch ausländische Geheimdienste den Deutschen zu „erklären“ suchen, dass sie noch mehr Personal zum Schutz der Schützer benötigen. Derartige Morde werden i.d.R. Taliban zugeschrieben. Wer die Taliban aber zu dem gemacht hat, was sie heute sind, wird auch nicht mehr erwähnt, nicht einmal von Beobachtern.

 

Nach dem Anschlag auf die Goldene Moschee in Samarra am 1.3.2006 schlossen Beobachter des NDR nicht aus, dass es zu einem Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten kommt; eine Wunschvorstellung, die seit Jahren in den Medien lanciert wird, um die völkerrechtswidrige Präsenz der USA, und letztendlich zumindest schweigsam mitgetragen von der gesamten westlichen Welt, wenigstens im Nachhinein rechtfertigen zu können.

 

Natürlich möchte auch ein westlicher Journalist nicht Mitschuld an Massenmord, Völkerrechtsbruch, Vertreibung, Vergewaltigung usw. sein. Er ist es aber zumindest moralisch, wenn er nicht beständig die USA für diese Verbrechen anklagt. Das wiederum darf er nicht, da er ja ein westlicher Journalist ist mit dem Auftrag den Kapitalismus zu schützen. Also braucht er Auswege! Kein halbwegs normaler Mensch kann jahrelang Verbrechen rechtfertigen, ohne sich einen eigenen Ausweg zu suchen! Entweder kündigt er seine moralische Verbrechensunterstützung (und damit auch seine Job), oder aber er findet „Auswege“, irgendwie doch auf der Seite der „Guten“ zu sein. Er weiß zwar, dass die USA derzeit ein Völkerrechtsverbrechen nach dem anderen begeht, aber dank seiner Beobachter, die er in den Tiefen seiner Gehirnwindungen findet, entdeckt er halbwegs rechtfertigbare Gründe dafür, dass jene Verbrechen irgendwie doch sein müssen, um das Recht auf Erden zu wahren.

 

Diese Taktik hat aber auch noch einige zusätzliche „Unterstützer“. Diejenigen, die z.B. durch extremen Ausländerhass, Antisemitismus, Rassismus usw. im eigenen Land auffallen, dürfen ungestört (und ohne anonyme Beobachter) sagen, dass die USA verbrecherisch handeln, denn wenn jene es sagen, dann muss es ja genau so unmenschlich sein, wie der Rest, den sie vertreten. Und dann gibt es noch einige, rechts wie links, unter Juden, Christen wie Muslimen, denen man all derartige Unmenschlichkeiten nicht nachweisen kann: Jene werden einfach zu „Extremisten“ abgestempelt, und die Sache ist wieder erledigt, nach dem Motto: Wer sich gegen die USA stellt muss von Natur aus ein Extremist sein, denn die USA sind die Verkörperung des Guten auf Erden oder zumindest des real existierenden Guten, wie es Beobachter bestätigen.

 

Man stell sich doch nur ein Mal vor, was passieren würde, wenn die absolute Mehrheit der Journalisten von heute auf morgen sagen: „Schluss, wir wollen nicht mehr die Völkerrechtsverbrechen der USA mittragen!“

 

Zurück zu den Beobachtern. Unter ihnen gibt es auch besondere Spezies. Eine davon sind die militärischen Beobachter. So vermeldeten militärische Beobachter in den letzten Tagen Angesichts der Anschläge auf deutsche Polizisten in Afghanistan, im Vorfeld der Mandatsverlängerung im Bundestag hätten die Angriffe zugenommen - in der Hoffnung, die politische Debatte zu beeinflussen. Jene militärischen Beobachter scheinen i.d.R. aber auf beiden Augen blind zu sein. Denn genauso wie in Palästina haben sie auch im Irak oder Afghanistan noch nie irgendeinen Menschen gesichtet, der versucht die jeweiligen Besatzer zu vertreiben. Dabei wäre das doch die aller naheliegendste Mutmaßung, wenn man schon jene militärischen Beobachter mutmaßen lässt.

 

Wie wäre es denn einmal mit folgender Meldung: „Westliche militärische Beobachter vermuten, dass Teile des Widerstanden in Palästina, Irak und Afghanistan im weiteste Sinn eventuell und möglicherweise damit zu haben könnten, dass lauter nichteinheimische Soldaten im Land umherlaufen und nicht immer sämtliche Regeln des Menschenrechts genau einhalten, so dass sie möglicherweise von der nicht hinreichend über die guten Absichten der fremden Soldaten informierten Einheimischen als Besatzer empfunden werden könnten“. Nach eines solche Meldung wäre der entsprechenden Redaktion wohl eine Hausdurchsuchung sicher und jene Beobachter sollten sich dann lieber ins Ausland absetzen, wollen sie nicht versehentlich nach Guantanamo verschleppt werden.

 

Sicherlich liegt ein Meinungsunterschied vor, wenn Menschen diametral entgegen gesetzte Meinungen zueinander vertreten. Aber so lange jeder sie selbst vertritt, kann man darüber reden. Wenn aber das Gegenüber jene eigene Meinung durch irgendwelche Beobachter vertreten lässt, mit wem soll man dann die Meinungsunterschiede ausdiskutieren? ausschließende Beobachter können wenig zum Frieden beitragen.

 

Abschließend noch eine Meinung von Experten, die sicherlich nicht minder seriös ist, als alles, was die bisher zitierten „Beobachter“ von sich gegeben haben. Ausdrücklich sei darauf verwiesen, dass es sich um die Meinung von Beobachtern handelt und nicht mit der Meinung des Autors dieses Textes übereinstimmen muss:

 

„Beobachter sind der Meinung, das die Westliche Welt moralisch wie auch wirtschaftlich am Ende ist. Lediglich der erarbeitete technische Vorsprung lässt den Niedergang noch eine zeit lang vertuschen. Danach wird die USA implodieren und in der Bedeutungslosigkeit versinken, Israel sich in seiner heutigen Form selbst auflösen und eine friedliche Koexistenz von gleichberechtigten Juden, Christen und Muslimen in der Region vorleben und als Vorbild für benachbarte Länder wirken, deren despotische Regime ebenfalls zusammen brechen werden ohne US-Protektion. Europa wird auseinander fallen. Die Teile Europas, die sich zu eng mit den USA verflochten haben, werden das gleiche Schicksal erleiden wie die USA und sich lange nicht davon erholen können: Andere, die rechtzeitig dem Absprung gefunden haben, werden sich mit einer neuen asiatischen Macht verbünden, in der neben China und Russland auch einige muslimische Länder eine bedeutende Rolle spielen werden, und ein Zeitalter einer neuen Wirtschaftsordnung einläuten, in der nicht der Mensch für die Wirtschaft da ist, sondern die Wirtschaft für den Menschen.“

 

Wie gesagt: Es handelt sich lediglich um die Ansicht von „Beobachtern“. Niemand braucht sich der Ansicht anzuschließen, den Beobachter können auch irren. Sollten jene Beobachter aber eines Tages recht behalten, dann sollten sich deutsche Dichter und Denker einmal die Frage stellen, auf welcher Seite der prognostizierten Zukunft sie lieber stehen möchten. Die aktuelle Politik spricht diesbezüglich eine eindeutige Sprache, aber das kann nicht der Wunsch des friedliebenden Volkes in Deutschland sein.

 

[Quelle: Muslim-Forum]

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