Europa ist derzeit vor dem Zerfall. Wie kann ein neues Europa entstehen? Zurück zu den Wurzeln kann, ja muß ein Weg sein. Dabei müssen alle Wurzeln berücksichtigt werden. Speziell auch die islamische Wurzel des heutigen Europas. Vom islamischen Erbe Europas ist erstaunlich viel übriggeblieben – vor allem in Architektur, Sprache, Wissenschaft, Landwirtschaft, Küche und Alltagskultur. Es steckt tiefer in der europäischen Zivilisation, als oft bewusst ist, und betrifft vor allem Spanien/Portugal (al-Andalus), Sizilien, den Balkan und indirekt ganz Europa. 1. Architektur und Städtebau (am sichtbarsten) Spanien: Die Alhambra in Granada, die Mezquita-Kathedrale in Córdoba, die Giralda in Sevilla, der Alcázar – alles weltberühmte Zeugnisse. Der Mudéjar-Stil (islamische Handwerkskunst unter christlicher Herrschaft) prägt noch viele Kirchen, Paläste und Decken. Sizilien: Arabisch-normannische Bauten in Palermo (Cappella Palatina, Palazzo dei Normanni, La Zisa, La Cuba) mit Muqarnas, arabischen Inschriften und geometrischen Mustern. Balkan (osmanisches Erbe): Moscheen, Brücken (z. B. die Stari Most in Mostar), Basare, Hammams und Wohnhäuser in Bosnien, Albanien, Kosovo, Nordmazedonien und Teilen Bulgariens/Griechenlands. Indirekt beeinflusste islamische Architektur (Spitzbogen, geometrische Ornamente, Kuppeln) auch die europäische Gotik und Renaissance. 2. Sprache und WörterTausende arabische Lehnwörter sind in europäischen Sprachen fest verankert: Spanisch/Portugiesisch: Über 4.000 Wörter (z. B. azúcar = Zucker, naranja = Orange, aceite = Öl, alcázar = Burg, aduana = Zoll). Andere Sprachen (auch Deutsch): Algebra, Algorithmus, Alkohol, Alkali, Zenit, Nadir, Kaffee, Zucker, Sofa, Matratze, Divan, Admiral, Tarif, Magazin, Sirup, Ziffer (von ṣifr = Null). Maltesisch: Die einzige semitische Amtssprache der EU – direkt aus dem Sizilianisch-Arabischen entstanden. 3. Wissenschaft und WissenstransferIslamische Gelehrte bewahrten und erweiterten griechisches Wissen und gaben es über Spanien und Sizilien an Europa weiter – eine wichtige Grundlage für Renaissance und wissenschaftliche Revolution: Mathematik: Arabische Ziffern (einschließlich der Null), Algebra (al-Ḫwārizmī), Algorithmen. Medizin: Werke von Ibn Sīnā (Avicenna) und ar-Rāzī bestimmten jahrhundertelang den Standard. Astronomie, Optik, Philosophie: Einfluss von Ibn Rušd (Averroes) auf Thomas von Aquin und die Scholastik. Viele Sternnamen (Aldebaran, Betelgeuse) und Fachbegriffe stammen aus dem Arabischen. 4. Landwirtschaft, Technik und Alltag Bewässerungssysteme (acequias), Zitrusfrüchte, Reis, Zuckerrohr, Baumwolle, Safran, Auberginen und andere Pflanzen kamen über die islamische Welt nach Europa. Papierherstellung, neue Handwerkstechniken und Handelspraktiken. Küche: Gewürze, Süßspeisen, Kaffee-Kultur (besonders im osmanischen Balkan und später ganz Europa). 5. Lebendige muslimische Gemeinschaften Indigene europäische Muslime: Bosniaken, Albaner, Kosovaren, Tataren in Polen/Litauen, Pomaken usw. – Nachfahren osmanischer oder früherer islamischer Präsenz. Moderne Migration hat das Erbe um weitere Moscheen, Kulturzentren und Alltagselemente ergänzt, ist aber von der historischen Schicht zu unterscheiden. Wichtig: Erbe ist kein „fremdes“ Element, das irgendwann verschwunden wäre, sondern wurde in vielen Bereichen assimiliert und weiterentwickelt. Politische Herrschaft der Muslime endete in Spanien 1492 und in Sizilien im 13. Jahrhundert, im Balkan erst im 19./20. Jahrhundert – die kulturellen Spuren blieben jedoch. Historiker betonen heute stärker, dass Europa nicht isoliert, sondern durch intensiven Austausch mit der islamischen Welt geformt wurde. Die Geschichte Siziliens im Schatten Spaniens verdient Beachtung Arabische Herrschaft (Emirat von Sizilien, ca. 827/831–1091): Nach der Eroberung durch Aghlabiden und später Fatimiden/Kalbiden wurde Palermo zu einem bedeutenden Zentrum der islamischen Kultur. Christen und Juden lebten als Schutzbefohlene (Dhimmis) unter islamischer Herrschaft. Sie zahlten die Kopfsteuer (Jizya), behielten aber Religionsfreiheit und eine gewisse Autonomie. Wichtig zu wissen ist, daß die Kopfsteuer Befreiung vom Wehrdienst bedeutete. Es gab kulturelle und wirtschaftliche Blüte, interreligiösen Austausch und eine gemischte Bevölkerung (Araber, Berber, konvertierte Einheimische, Griechen, Juden). Normannische Herrschaft (ab ca. 1061/1072, Königreich ab 1130): Die normannischen Eroberer (Roger I., vor allem Roger II.) übernahmen viele arabische Verwaltungsstrukturen und praktizierten eine pragmatische Toleranz. Am Hof in Palermo arbeiteten arabische, griechische und lateinische Beamte, Wissenschaftler und Künstler zusammen. Es entstand die berühmte arabisch-normannisch-byzantinische Kultur (sichtbar in der Cappella Palatina, der Kathedrale von Monreale oder Cefalù). Muslime, Christen und Juden hatten eigene Rechtsbereiche, Moscheen, Kirchen und Synagogen bestanden nebeneinander, und es gab kulturelle Vermischung (z. B. arabisch sprechende christliche Frauen in Palermo, wie der Reisende Ibn Jubayr 1184/85 beschrieb). Diese Zeit (besonders 11./12. Jahrhundert bis ca. 1200/1250) wird oft als „Goldenes Zeitalter“ der Multikulturalität Siziliens bezeichnet – vergleichbar mit dem oft idealisierten convivencia in al-Andalus, aber mit eigenen Charakteristika. Die Könige förderten Gelehrte verschiedener Religionen, und die Insel war ein Kreuzungspunkt von lateinischer, byzantinischer und islamischer Welt. Es waren keine perfekten Verhältnisse, aber im Verhältnis zur damaligen Zeit fortschrittlich. Die Herrscher (zuerst muslimisch, dann christlich) blieben dominant. Es gab Hierarchien, wirtschaftliche Abhängigkeiten, gelegentliche Gewalt (z. B. Unruhen in Palermo 1160/61) und Druck zur Konversion. Muslimische Bauern hatten oft weniger Verhandlungsmacht als städtische Eliten. Im 13. Jahrhundert unter Friedrich II. (Staufer) brach die fragile Balance zusammen. Muslimische Aufstände führten zur Deportation vieler Muslime nach Lucera in Apulien (ab den 1220er Jahren). Allerdings gab Kaiser Friedrich II. den Muslimen weiterhin Autonomierechte. Und seine Leibgarde bestand aus Muslimen. Die muslimische Präsenz auf der Insel schwand stark. Die Juden blieben länger, wurden aber 1492 unter spanischer Herrschaft (wie in Spanien) vertrieben oder zur Konversion gezwungen.